Lesen – warum fällt es so schwer?
Lesen ist ein hoch komplexer Prozess. Die Augen fokussieren, Wahrnehmung der Zeichen und diese Entschlüsseln. Dann das Zusammensetzen zu Wörtern, Wortgruppen und Sätzen. Und am Ende soll das Ganze einen Sinn und Bedeutung haben.
Die aktuelle PISA-Studie ist raus, es wird geschimpft und groß empört. Am Ende ändert sich nicht wirklich etwas. Warum also schreibe ich darüber? Es ist mehr der Punkt, das mich eine Aussage hat aufhorchen lassen. Die Lesekompetenz sinkt. In einem Beitrag hieß es, jeder von uns könnte es ändern in dem wir unseren Kindern vorlesen und Vorbilder sind. Doch was ist, wenn man selber Probleme mit dem Lesen hat? Was ist, wenn es anstrengend ist nach einem Acht-Stunden-Tag sich auf einen Text zu konzentrieren? Was ist, wenn man den Abend sich nur berieseln lassen will und nicht mehr denken?
Für mich ist Lesen eine Form der Entspannung, aber nicht jedes Buch passt zu jeder Stimmung. Ich habe gelernt, dass es die richtigen Bücher zur richtigen Zeit gibt. Und wenn mich ein Buch nicht packt, dann höre ich auf und nehme mir ein anderes, bis ich eins in Händen halte, das ich genau in diesem Augenblick brauche.
Dieses Vorgehen erfordert aber auch eine gewissen Hartnäckigkeit. Ich brauchte viele Jahre, bis ich das Buch in Händen hielt, das mein Schlüssel zum Lesen war.
11 Jahre war ich alt, also schon lange genug in der Schule, um ein paar Bücher in der Hand gehabt zu haben. Für mich war Lesen zu Beginn eine Qual. Ich habe es gehasst und vor allem das laut vorlesen war schlimm. Da sitzt du als Kind und weißt, das du langsam bist, das die Worte dir nicht flüssig über die Lippen kommen und sollst vor allen, in der Klassen laut lesen. Aber damit hörte es nicht auf, zuhause üben war auch angesagt mit Eltern, die keine Zeit dafür hatten oder nicht verstanden warum es den so schwer ist zu lesen. Das war schlimm und heute bin ich froh darüber, das ich mein Schlüsselbuch gefunden habe. In einer etwas sehr viel kleineren Bibliothek als die in Weimar.

Es war das Tagebuch der Anne Frank. Nicht gerade eine leichte Lektüre oder etwas, was ich unbedingt einem Kind geben würde. Es war Sommer und ich zu Besuch bei den Großeltern, wir wollten in einigen Stunden losfahren, daher waren die Taschen gepackt und groß irgendein Spielzeug rausholen gab es nicht. Mir war langweilig, heute bin ich froh darüber. Da ich meine Oma gefragt hatte was ich machen soll. Sie sagte lese doch etwas. Lesen? Was? Ich war wirklich verzweifelt, so das Lesen eine Option wurde.
Sie gab mir zwei Bücher. Ich fragte, worum es ging? Es war Anne Frank und das andere weiß ich nicht mehr. Also begann ich das Tagebuch einer 13-jährigen zu lesen. Ich habe nicht wirklich das ganze Ausmaß damals verstanden, aber ich fühlte mich verbunden. Ich fühlte ihre Themen, war ich doch kaum so alt wie sie. Mir ist bis heute nur grob eine Situation im Kopf geblieben, da schrieb sie über die Kartoffelrationen und über den Jungen. Ich weiß leider nicht mehr, was sie schrieb. Ich könnte das Buch noch einmal lesen. Aber ich habe es nicht mehr. Und ich bin ehrlich, es würde meine Erinnerung daran verändern.
So kam ich zum Lesen und selber Tagebuch schreiben. Ich verstand das Lesen eine Form des Reisens war und manchmal auch eine Flucht in eine andere Welt. Nirgends sonst konnte und kann ich Zeit, Raum und Ort vergessen wie beim Lesen eines Romans. Was auch sehr schön ist, kaum einer wird zu dir sagen, „Kind, geh mal raus“, mach mal dieses oder jenes, wenn du sagst: „ich lese.“

Viele Jahre später habe ich herausgefunden, dass ich in Richtung Legasthenie tendiere, nicht stark genug das es je wirklich von Interesse war, aber stark genug um mich Zweifeln zu lassen an allem, was ich kann und tue. Mein Gehirn funktioniert anders, so habe ich es neulich gelesen. Aber es ist keine Schwäche oder ein Makel. So sehe ich es. Klar es schränkt ein, weil jede Betroffene erst einmal lernen muss, wie ihr Gehirn funktioniert und viele Dinge brauchen dann länger. Leider gibt es diese „Norm-Gedanken“, dass alle Kinder zur gleichen Zeit in ihrer Entwicklung das Gleiche können müssen.
Jeder Mensch kommt mit einem eigenen Plan auf die Welt, doch die Gesellschaft lässt nicht zu das wir uns neugierig, wie wir als Kinder waren, entwickeln dürfen. Also passen wir uns alle an, jeder hat seine Stärken und Schwächen. Leider wird auch zu stark geschaut, das alle Schwächen ausgebügelt werden, also geht jede Menge Energie drauf. Unsere Stärken können dann nicht mehr weiter entwickelt werden, weil keine Energie da ist.
Lesen ist nicht einfach. Lesen ist ein hoch komplexer Prozess.
Selbst reden ist so unsagbar schwer und all die Vokabeln lernen. Wer schon mal eine Fremdsprache gelernt hat weiß, dass es seine Zeit braucht, und zu dem Zeitpunkt hat man das erste Mal Sprache lernen, schon einmal durchlaufen.
Sprachen lernt man durch sprechen und hören. Lesen, durch Buchstaben lernen, Silben bilden, Wörter erlesen und später durch viele Wiederholungen erkennen wir die Wörter. Wahrscheinlich gibt es einige mehr Schritte, die mir gar nicht bewusst sind. Aber das macht es deutlich, das wir sprechen und lesen lernen, nicht gleich setzen dürfen. Es sind völlig unterschiedliche Vorgänge.
Ich möchte jetzt nicht sagen, ihr müsst mehr das eine oder andere machen. Ich möchte allen Mut machen, die genauso leiden beim Lesen lernen, wie ich als Kind. Es war eine bescheidene Zeit. Daher sucht euch euer Schlüsselbuch, gebt nicht auf, es ist dort draußen. Es wird euch eine neue Welt zeigen. Und wenn ihr es gefunden habt, geht weiter. Mal kommen viele tolle Bücher auf einen zu, mal gibt es eine Flaute, aber jedes Buch das ihr lest, macht euch reicher.
Ich werde hier im Naschfuchsblog zu einigen Büchern meine Meinung sagen. Was mir gefiel und was nicht. Genauso zeige ich euch meine liebsten Buch-Orte und Plätze an denen ich die Zeit vergessen habe. Schaut daher gerne regelmäßig vor bei, vielleicht entdeckt ihr neue Schätze oder etwas zum Naschen.